Der Künstler Otto Nagel ist zurück

In Eberswalde lädt derzeit eine kleine aber feine Ausstellung zu Otto Nagel ein. Das Museum setzt eine Reihe fort, die sich mit Künstlern auseinandersetzt, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind.

Mit dem Kurator Dr. Eckhart Gillen hat die Stadt Eberswalde einen renommierten Experten gewonnen, der sich zusammen mit weiteren Kunstwissenschaftlern dem Wirken Otto Nagels auf allen Ebenen nähert und so nicht nur sein künstlerisches Schaffen, sondern auch den Menschen dahinter neu beleuchtet. Zu sehen sind 19 Werke des Künstlers aus der gesamten Schaffensphase Nagels. Dabei wollen die Ausstellungsmacher mit sensationellen neuen Erkenntnissen zu Nagels ‚Rolle im Nationalsozialismus‘ dessen Wirken als Widerstandskämpfer ins Wanken bringen. Auch die Verfolgung durch die Gestapo und die Inhaftierung im KZ Sachsenhausen wolle man relativieren.

Der Einladung zur Eröffnung folgten etwa 100 Menschen. Die Reihen bis auf den letzten Platz gefüllt. Angekündigt war eine Podiumsdiskussion mit Experten. Ebenso, dass die Enkelin Nagels ein Grußwort halte. Die anschließende Expertenrunde brachte Nagel den Zuhören deutlich näher.

 

Zum Teil zweifelhafte Rezeption

Auf die Ausstellung wurde Nagels Enkelin Salka-Valka Schallenberg durch Gespräche mit der Akademie der Künste aufmerksam. Für sie Grund genug, sich in die Ausstellung einzubringen.

Aus dem angekündigten Grußwort wurde eine fulminante Rede, die das Publikum mit tosendem Applaus honorierte. Sie schilderte aus ihrer Sicht den Blick auf den Großvater. Die Nagel-Enkelin widersprach zudem der angekündigten neuen Rolle des Künstlers in der Nazi-Zeit. Nämlich, Nagel wäre gar nicht lange im KZ gewesen. Er hätte sich den Nazis angedient, damit er ungestört arbeiten kann. Denn er habe ja in der Nazi-Zeit die meisten seiner Werke erschaffen. Dabei bezieht man sich auf die Dissertation der Kunsthistorikerin Beate Marks-Hanßen, die in ihrer Arbeit die „innere Immigration“ anhand ausgewählter Künstler in der NS-Zeit hinterfragt. Demnach soll sich auch Otto Nagel künstlerisch den Forderungen des Staates angepasst haben. Die Erkenntnis ist aber schon 2006 publiziert und 2012 bereits im Rahmen der Ausstellung ‚Orte – Menschen‘ im Schloss Biesdorf verbreitet worden.

Im Vorfeld der aktuellen Ausstellung führte die Enkelin dazu mit der Akademie der Künste umfangreiche Gespräche. Dort beruft man sich auf die eingangs erwähnte Dissertation. Darin bezieht sich Marks-Hanßen auf eine einzige Akte aus dem Reichssicherungshauptamt der NSDAP, also der Zentrale von GeStaPo und SA. Es stellte sich heraus, dass man in der Akademie wohl nicht die Originalakte kennt. Die aufgestellte Behauptungen beruhen demnach nur aus dem Zitat der zitierten Nazi-Akte R58/2204, könnte man ableiten. Die Akte umspannt den Zeitraum von 1920 bis 1945.

 

Relativieren und rechtfertigen

In der Expertenrunde dann ausweichende Antworten. Auch auf Nachfrage der Moderatorin keine konkrete Ansage, was denn nun das sensationell Neue sei, die die bisherige Geschichtsauffassung ins Wanken bringt. Statt dessen: Nagel war ja im KZ, aber nur vier Tage.

Für die Recherche zum Umgang mit Nagel in der DDR betrachteten wir ebenfalls die Akte aus dem Reichssicherheitshauptamt. Dort steht im Abschlussbericht, die Häftlinge würden das KZ Sachsenhausen „sonnengebräunt“ verlassen haben. Ein Blick in die Wetteraufzeichnung des April 1937 widerlegt die Mär vom Sonnen gebräunten KZ-Häftling. Demnach lag die durchschnittliche Temperatur bei 10 Grad und es regnete. Übrigens verließ Nagel nachweislich den Ort mit einer Lungenentzündung.

Wie lange Nagel tatsächlich im KZ war ist auch dieser Akte nicht glaubwürdig zu entnehmen, wenn man andere Aspekte der Kommunisten-Verfolgung und die Wetteraufzeichnung vom April 1937 mit berücksichtigt. Erschwerend ist der marginale Aktenbestand im KZ Sachsenhausen selbst. Denn alle Häftlingsakten haben die Nazis sorgfältig vernichtet.

Ebenso ist man der festen Überzeugung, Nagel hätte kein Malverbot durch die Nazis erhalten. Nur weil kein Dokument überliefert ist? Jedoch finden sich in verschiedenen Dokumenten aus der Forschung zum Widerstand in der Nazi-Zeit genügend Hinweise, die diese These mindestens ins Schaukeln bringen. Diesen Unterlagen widmete man scheinbar ebenso wenig Aufmerksamkeit oder glaubt ihnen schlichtweg nicht.

Weiterhin wird behauptet: Nagel als Kommunist war schon gefährdet, aber als Künstler hat man ihn unbehelligt arbeiten lassen. Als ob man beim Juden einkauft, aber die Familie wegen der jüdischen Herkunft verfolgt. Die Reichspogromnacht 1938 zeigt eindeutig, dass die braunen Schergen keinen Unterschied machen. Ausgerechnet bei Nagel soll es jedoch anders sein? Ein Erklärungsversuch. Nagel malte in Öl, zeichnete in Kohle und Pastell. Für die Arbeit in Öl benötigt der Künstler ein Atelier, weil es eine aufwendige Technik ist: Grundieren, Farben mischen, Trocknung usw.. Dazu kommt, dass Nagels Ölbilder großformatig sind. Hingegen kann man Pastellkreide, Kohle und Zeichenpapier gut transportieren und gegebenen falls schnell in die Tasche stecken. Das macht die Arbeit im Kiez einfacher. Auch das Untertauchen vor den braunen Schlägertrupps.

Unstrittig ist, dass die Nazi-Schergen in Nagels Atelier eindrangen, alles zerschlugen und Bilder aus dem Fenster warfen. Deswegen ging er auf die Straße zum Malen.

Fast kleinlaut wird formuliert, Nagel war in der Nazi-Zeit sichtbar. Diese Sichtbarkeit kann zum einem an seinem großen Netzwerk liegen (Michael Krejsa). Es kann gleichwohl auch ein Indiz für einen gut organisierten Widerstand im Untergrund sein. Diese Möglichkeit wird scheinbar gar nicht in Betracht gezogen.

 

Die erste Allgemeine Kunstausstellung in der Sowjetunion 1924/25

Die eigentliche Sensation des Abends war die Feststellung des Kunsthistorikers Sergej Fofanov, dass Nagel diese große Ausstellung organisierte. Er reiste mit 120 Künstlern und etwa 600 Kunstwerken nach Moskau, Petersburg und Saratow. Er mobilisierte die gesamte deutsche Kunstszene dieser Zeit. Er brachte quasi die größte Bauhaus-Ausstellung in die Sowjetunion. Ausführliche, nur in russisch überlieferte Presse konnte man in Moskau finden. Diese Ausstellung war jedoch 1977 noch einmal ein großes Thema im Familien geführten Otto-Nagel-Haus. Man hätte sicher im überlieferten Archiv dieses Museums etwas dazu finden können.

In der doktrinären Auffassung der DDR-Kulturpolitik hatte diese Ausstellung allerdings keinen Platz. Sie verkörperte die Moderne, die als dekadent verschrien war.

 

Otto Nagel – einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts

Als sich der Kurator dem Künstler Otto Nagel nähert, hält er ihn zunächst für einen Heimatmaler, wie er sagt. Im Laufe des Abends rückt er selbst davon ab. Man erkennt seine dokumentarischen Fähigkeiten an. Seine Arbeit im Stile der Reportage. So wird Nagel in der Expertenrunde dann auch sehr schön als der ‚malende Wallraff‘ (Kurt Winkler) bezeichnet. Bezogen auf den deutschen Investigativjournalisten Günter Wallraff.

Die Ansage Nagel hätte sich dem Nazi-Regime angedient, widerlegen die Experten selbst, indem sie anerkennen, dass der Künstler ein unangepasster Zeitgenosse war, der sich Zeit seines Lebens nie irgendwo unterordnete.

Noch ein Wort zum sog. aufoktroyierten Widerstand in der DDR. Zweifelsohne gibt es in der Wahrnehmung in der DDR sehr viel Ideologie. Die Geschichte der Arbeiterbewegung und des antifaschistischen Widerstandes ist im Osten der Republik dadurch jedoch intensiver bekannt. Dennoch wird u.U. ein etwas differenzierter Blick darauf jenseits jeder Ideologie möglich, weil eben beide Seiten der Geschichtsschreibung bekannt sind. Anders herum hat die Adenauer-Regierung die KPD in der BRD verboten und damit das wichtigste Sprachrohr der Kommunisten in den Untergrund gedrängt. So scheint es heute noch immer schwerzufallen, den antifaschistischen Widerstand der Kommunisten aufzuarbeiten, geschweige denn die Opfer aus deren Reihen als Opfer der Nazi-Diktatur anzuerkennen.

 

bernd schallenberg, 23.10.2022

 

Die Ausstellung ist noch bis zum 02. April 2023 zu besuchen.

Finissage: 2. April 2023

Ort: Museum Eberswalde

Dienstag bis Sonntag

9.00 bis 13.00 Uhr und 14.00 bis 17.00 Uhr

Führungen nach Voranmeldung.

Tel. 03334 – 64435 und 64520