Rezension Yvan Goll: Sodom und Berlin

Neuübersetzung von Gerhard Meier, Manesse Verlag, Originaltitel: Sodom et Berlin, 1929

In der Presseankündigung des Manesse Verlags ist von einer Wiederentdeckung eines herrlich aberwitzigen Hauptstadt-Klassikers in Neuübersetzung die Rede. Ort des Geschehens Berlin in der Zeit der Weimarer Republik. Eine groteske Zeit- und Stadtbesichtigung, ein unterhaltsames Panorama deutscher Absurditäten. Es geht um die weltanschaulichen Strömungen und das Lebensgefühl der zwanziger Jahre. Ein Roman, der sich liest wie die literarische Fortschreibung der Bilder von George Grosz oder Otto Dix. Das weckte meine Neugier. Das Buch von Yvan Goll „Sodom und Berlin“ erschien zunächst 1929 in französischer Sprache später in deutsch. Der Autor, 1891 im französischen Landesteil von Lothringen geboren, wuchs zweisprachig auf. Das nutzte Yvan Goll. So sieht er sein Werk in deutsch als neue Fassung – er empfindet, dass die französische Sprache rigoroser als die deutsche ist. Er selbst sah sich als Jemand mit „französischem Herzen, deutschem Geist, jüdischen Blut und amerikanischen Pass.“ All das spürt der Leser in dem Roman in jeder Zeile.

Berlin, 1918 ff. Lebenskünstler, Tagediebe, Kriegsheimkehrer, Vergnügungssüchtige, Schieber und andere Halbweltexistenzen drängen sich in der deutschen Nachkriegsmetropole. Hierher strandet Odemar Müller zum Ende des II. Weltkriegs. Hinter sich hat der junge Mann auch die Zeit des Studiums in Bonn inklusive echter germanischer Studentenverbindungen. Der Protagonist durchzieht den Roman als „naiver Student, mittelalterlicher Mystiker, überzeugter Krieger, wilder Revolutionär, Inflationsgewinnler, Romantiker auf der Suche nach der blauen Blume, Stammgast in Spielhöllen und Betrüger“.

In Kafka'scher Manier gerät Odemar Müller hinein in den Strudel des Berlins der zwanziger Jahre. Alles will gelebt sein so absurd es doch ist. Der Überlebenskünstler reißt selbst den Leser mit in die Welt voller Phantasie, Betrügereien und Scharlatane. Yvan Goll weiß um die „Schwäche der Deutschen, die nur dann glücklich sind, wenn sie als Gruppe auftreten und sich unter einer mit Goldlettern bestickten Samtstandarte versammeln können.“ Der Autor spitzt es noch zu und schreibt, dass „diesem Volk Einsamkeit und Individualismus verhasst“ sind – abgesehen von den Dichtern. Und so steigt Odemar Müller zum Doktor auf und versammelt um sich „das Mekka all der kleinen Sekten, Geheimbünde und Vereine“. Das, nicht ohne sich an ihnen gütlich zu tun und das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen und die Feierlaune auszunutzen. Der Autor schreibt all dies mit einer spitzen Feder voller Sarkasmus und Satire gewürzt mit bitterböser Wahrheit. Und es ist so – immer wieder tauchen sie auf die Bilder von George Grosz wie die „Die Stützen der Gesellschaft“ von 1926 oder von Otto Dix das Triptychon „Großstadt“ von 1927/28. Das deutsche Elend nimmt katastrophale Ausmaße an – auch diese Seite stellt Yvan Goll voller Offenheit und teilweise mit drastischen Worten dar.
Aber der der Deutsche ist auch immer wieder zu einer wundersamen Kehrtwendung fähig, lässt der Autor seine Leser wissen. So flieht Dr. Odemar Müller aus seiner von ihm geschaffenen absurden Vergnügungswelt.
Zu guter Letzt katapultiert Yvan Goll seinen Protagonisten zurück in seine heile Welt die deutsche Landschaft voller „Aschinger-Bierquellen mit ihren Wurstringen, ihren Bergen von Bratheringen, ihren Seen von Mayonnaisesauce und ihren Wolken aus Schlagsahne.“
Das Nachwort von Hanns Zischler gibt einen umfassenden Überblick zu Yvan Goll und seinem literarischen Werk. Seiner Forderung, das „dieser große Autor, wiederentdeckt“ werden soll ist auf jeden Fall nachzukommen. Ein Roman, der Lesevergnügen pur verspricht. Als kleines Extra ist der Umschlag des Buch sehr anspruchsvoll gestaltet.

Salka-Valka Schallenberg, 15.11.2021